Sie bedrohen mich persönlich, aber meinen uns alle. Wieso ich trotzdem nicht aufhöre.

Sich dem Hass und der Hetze im Netz entgegenzustellen und mit Klarname dagegen entschieden aufzutreten, birgt leider ein gewisses Risiko in sich. Umso mehr, je bekannter man wird. Mittlerweile erreiche ich hier weit über 250.000 Menschen pro Woche. Und werde immer wieder auf der Straße erkannt. Mord- und Gewaltdrohungen gab es von Beginn weg. Inzwischen kommen auch immer öfter Klagsdrohungen hinzu.

Diese Drohungen verfolgen das gleiche Ziel: Mich einschüchtern, mundtot machen, aufhalten. Wenn deine Existenz gefährdet wird, gleich ob durch die Androhung körperlicher Gewalt oder des finanziellen Ruins, dann macht das im ersten Moment Angst. Auch mir. Jetzt wo ich Vater werde noch mehr. Und ich bin jedes Mal erneut kurz versucht es bleiben zu lassen, nur um mich dem nicht mehr aussetzen zu müssen.

Denn man gewöhnt sich nicht daran, auch wenn man schon viele und unterschiedlichste Erfahrungen damit gemacht hat. Meine Familie stand etwa viele Jahre hindurch auf der „schwarzen Liste“ von chilenischen Faschisten in Geheimdienst und Militär. Meiner Mutter wurden noch bis vor relativ kurzer Zeit von Unbekannten per Post Drohbriefe geschickt, bloß weil sie sich politisch engagiert und eben die Tochter ihres bereits verstorbenen Vaters ist.

Ich denke in solchen Situationen oft an meinen Großvater. An die Opfer die er gebracht hat, um den Faschismus in Chile aufzuhalten. Er hat einen unglaublichen Preis für den Kampf um seine Ideale gezahlt. Und ich denke an meine Mutter, meine Tanten und Onkel. Die in der Fremde völlig neu beginnen mussten, weil ihr Vater nicht zusehen konnte und wollte, wie sie in einer Diktatur aufwachsen. Das inspiriert mich. Es gibt mir eine ungeheure Kraft.

Ich habe keine Ahnung, ob ich nicht eines Tages zum Opfer von irgendwelchen Wahnsinnigen werde, die mich als Projektionsfläche für ihren Hass missbrauchen wollen. Oder meine Frau, die sich nicht weniger stark als ich politisch für ihre Ideale engagiert und deswegen immer wieder zur Zielscheibe für extreme Rechte wird. Und ich gebe zu, dass ich mich manchmal davor fürchte. Auch vor der Vernichtung unserer finanziellen Existenz. Aber ich kann und werde einfach nicht tatenlos zusehen, wie diese Menschen an die Macht gelangen oder Meinungs- und Deutungshoheit erlangen.

Und solange ich noch kann, werde ich meine Meinungen weiter äußern. Ich werde weiterhin jene unterstützen, die sich gegen jegliche Form der Unterdrückung, Diskriminierung und andere Ungerechtigkeiten engagieren. Ich werde weiterhin das Risiko eingehen, dass das mit sich bringt. Denn wenn wir damit aufhören uns ihnen in den Weg zu stellen, ihnen zu widersprechen, ihre Machenschaften aufzuzeigen, dann haben sie gewonnen.

Und in was für einer traurigen, kalten, kaputten Welt würde mein Sohn dann aufwachsen? Solange sich Menschen für ein friedliches, respektvolles und solidarisches Zusammenleben einsetzen, solange besteht Hoffnung. Und auch wenn diese Zeiten wahrlich düster sind und man manchmal am Verzweifeln ist, angesichts der ganzen Schrecken die bei uns und anderswo passieren – es bleibt die Perspektive, dass sich etwas zum Positiven hin ändert.

Danke für Eure Unterstützung, sie bedeutet mir enorm viel. Sie ist wertvoll, ganz gleich welcher Art sie auch sein mag. Und niemals vergessen: Wir sind viele.


Foto: Florian Albert, Copyright: GPA-WBV