Mein Recht auf Stadt: „Wiener Räume“

Wenn man an frei zugängliche Räume ohne Konsumzwang in der Stadt denkt, fallen einem leider nicht allzu viele ein – vielleicht die öffentlichen Grünflächen, außerhalb der Sperrzeiten natürlich. Die es in manchen Wiener Bezirken mehr, in anderen weniger gibt und die auch nicht für alle immer nutzbar sind: Aus einigen werden Hundehalter*innen aufgrund eines strikten „Hundeverbots“ mit ihren vierbeinigen Freunden verbannt, in anderen gibt es keine Spielanlagen für Kinder und auf nicht wenigen Grünflächen finden nahezu durchgehend Feste, Feiern oder sonstige Großveranstaltungen statt. Und jene Grünflächen, die da zeitlich und räumlich „übrig bleiben“, sind in den Sommermonaten aufgrund der geringen Alternativen so überfüllt, dass man auch ohne fremdbestimmtes Programm fast schon einem „Fest“ beiwohnen muss.

Abseits der Grünflächen ist der öffentliche Raum in unserer Stadt, wie in den meisten anderen, in erster Linie funktional determiniert: Menschen werden in sogenannten „Kulturarealen“ subtil oder offensiv angehalten zu konsumieren, Flächen können oft nur entgeltlich genutzt werden. Die vorhandenen Flächen sind meist nicht auf eine freigewählte, eigenbestimmte Nutzung ausgelegt sondern suggerieren von vornherein eine bestimmte Aktivität. Ruhe, Nähe zu sich selbst oder zu jenen, mit denen man den Ort besucht, findet man zudem in Wien nur unter der Bedingung einer fast schon übermenschlichen Verdrängungsleistung – denn die Durchdringung eines jeden Wiener Stadtraumes durch Werbung in der einen oder anderen Form, ist allgegenwärtig.

Dabei können Orte und Momente der „Funktionsfreiheit“ auch Orte und Momente der Stille, der kritischen Reflexion, der echten Begegnung, des Austauschs mit anderen Menschen sein. Sind diese im öffentlichen Raum nicht gegeben, bleibt oft nur die geschützte Sphäre des Eigenheims. In Ermangelung ausreichenden Wohnraums ist aber auch diese Option für viele Menschen eher Farce als echte Möglichkeit. Die Bedingungen für den Zugang zu Gemeindewohnungen werden stetig verschärft, Mietpreise steigen entgegen der Einkommensentwicklung in unverhältnismäßige Höhen und immer mehr hat man als Einwohner*in Wiens den Eindruck: „Es gibt mich nicht und soll mich auch nicht wirklich geben, wenn ich nicht das notwendige Geld zur Verfügung stellen kann.“ Da Wien in den nächsten Jahren stark wachsen wird, der Zuzug nicht in erster Linie nur Menschen mit einem sehr hohen Einkommen betrifft, verschärft sich diese Situation zwangsläufig immer mehr.

Der Kapitalismus ist die dominante Wirtschaftsordnung unserer Zeit. Wie selbstverständlich prägen die Mechanismen des Marktes unseren Alltag, also die Realitäten die wir sowohl materiell als auch immateriell vorfinden und bis zu einem gewissen Grad reproduzieren. So ist auf der Ebene der „Einrichtung“ unserer urbanen Umgebung in einer Stadt wie Wien fast nur farbig und einladend, was auch Werbung für diverse Produkte und Dienstleistungen darstellt.

Eine Kunstaktion im Jahre 2005 in Wien („Delete“ von Christoph Steinbrenner und Rainer Dempf) verdeutlichte das Ausmaß der kommerziellen Bebilderung/Beschriftung auf einer Länge von 200 Metern in der Wiener Neubaugasse. Jedes Logo, jedes Schild und jedes Plakat wurden damals mit gelben Stoffbahnen und Folien verdeckt. Was beim Spazieren durch die Straße dabei übrig blieb, war eine Mischung aus melancholischem Beton-Grau und penetrantem Gelb. Plötzlich wurde sichtbar, wie übermäßig stark die Werbung den städtischen Raum okkupiert.

Die kapitalistische Stadt

Mit ausreichend Geld kann, so scheint es, jede öffentliche Fläche genutzt werden. Ob für gastronomische Angebote, für Verkaufsstände oder sei es für mehr oder weniger groteske (weil maximal wahrnehmbare) Werbeaktionen. Wer genügend Geld mitbringt, dem wird die Stadt geöffnet – nicht nur sind nahezu alle Prunkräume der Republik und Stadt in Wien gegen teures Geld mietbar, es werden auch Genehmigungen für Aktivitäten erteilt, die mit anderen, nicht-ökonomischen Interessen kollidieren (bspw. Partyzelte auf Wiesen, die eigentlich der Erholung dienen sollten). Und so verfestigt sich der Eindruck, dass mit ausreichender Finanzkraft individuell Räume und Orte geöffnet sowie Möglichkeiten eröffnet werden können, die sonst nicht zugänglich wären. Ohne Probleme werden die Kultureinrichtungen unserer Stadt für Werbezwecke Konzernen zur Verfügung gestellt – und gerne auch der Verkehr unterbrochen, wenn es die Show benötigt.

Warum eigentlich? Was ist der Wert unseres Lebens? Alle Jahre wieder hören wir jedenfalls, dass Wien angeblich die lebenswerteste Stadt der Welt wäre. Da hat Mercer, als studiendurchführendes Unternehmen, eben nur die eigenen Mitarbeiter*innen beurteilen lassen (vgl. www.mercer.at). Und die haben in erster Linie aus den Augen (und Portemonnaies) von „Expatriates“ geblickt, als sie die Großteils kommerziellen Angebote der Stadt mit Top-Noten bewerteten. Die entscheidenden Bewertungen gab es für die Verfügbarkeit von hochpreisigen Wohnungen, internationalen Schulen, oder ebenso teurer Kunst und Kultur. Aber machen diese Aspekte eine Stadt wirklich „lebenswert“, und falls ja, für wen? Wohl maximal für jene, die es sich auch leisten können. Und auch betreffend dieser kleinen Elite müssen wir dringend zur Diskussion stellen, ob über den existenziellen Rahmen hinausgehende Konsum(fähigkeit) und die entsprechenden Angebote dazu, tatsächlich den Wert des Lebens auch nur annähernd zu begründen imstande sein können.

Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Unser derzeitig überbordendes (weil weit über den realen Bedarf hinausgehendes) Konsumverhalten lässt die Interpretation zu, dass wir einer immer stärkeren Entfremdung anheimfallen, Gefühle der Isolation und des Selbstwertverlustes zunehmen und wir diese psychischen Belastungen mit Konsum zu kompensieren suchen: „Wir lernen nicht, in uns hineinzuhören und herauszufinden, was uns eigentlich am Wertvollsten und am Wichtigsten ist. Das wären dann die sogenannten intrinsischen Werte. Die sind eben nicht an Geld, Macht oder Konsum gebunden, sondern daran, etwas Sinnvolles im Leben anzufangen, Kompetenzen zu entwickeln, auf gelingende Beziehungen und eine intakte Natur zu achten, worin man sich dann entfalten, frei und glücklich werden kann. Konsum ist die Ersatzdroge für das alles, für die Grundbedürfnisse, die im Kapitalismus nicht befriedigt werden“, beschreibt Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, hierzu (vgl. Interview mit Christian Felber vom 7. April 2015, siehe www.politicas.at/felber).

Ob in Schulen, Krankenhäusern oder anderen öffentlichen Einrichtungen, ob auf Straßen, Wohnhauswänden oder in Parks, kaum ein Platz der ohne die vielen bunten Fotos und Schriftzüge auskommt, die uns verleiten sollen, etwas zu kaufen. Sogar in der intimsten Sphäre der eigenen vier Wände sind wir von Unterhaltungs- und Informations-Instrumenten umgeben, die wir selbst dort platzieren. Internet, Fernsehen, Radio, Magazine, Bücher, DVDs – unser zu Hause ist voll von den Reizmitteln des Marktes, die uns mittlerweile via Smartphones schon überall hin begleiten. Kaum ein stiller Moment oder ruhiger Ort, an dem wir uns nicht berieseln lassen (müssen). Umso wichtiger erscheinen vor diesem Hintergrund Räume, die möglichst befreit sind vom Fremdeinfluss durch die „verführerischen“ Bilder der Werbeindustrie.

Denn das, was da täglich einer Flut gleich auf unser Unbewusstes einwirkt, ist in den allermeisten Fällen Produkt einer gewaltigen High-Science-Maschinerie: Die Marktforschung arbeitet mit den innovativsten technologischen, neurowissenschaftlichen und psychologischen Methoden, um die „perfekte Werbung“ für das mehr oder weniger unfreiwillige Publikum ihre Auftraggeber*innen zu kreieren. Da werden menschliche Versuchskaninchen scharenweise in Kernspintomographen gesteckt, ihre Hirnresonanzen beim Aufscheinen gewisser Bilder, Farben und Sujets getestet, mit Wärmebildkameras und Pupillen-Aufzeichnungsgeräte durch Städte begleitet, um zu sehen wo sie länger stehen bleiben und bei welchen Fotos sich ihre Pupillen weiten.

Psycho-Tests werden durchgeführt, damit herausgefunden werden kann, welche Botschaften die eindrücklichste Wirkung hinterlassen und wie man welche Zielgruppe am besten erreichen kann. Ein Milliarden-Dollar-Geschäft und eine Armada an Top- Wissenschaftler*innen arbeiten über Jahrzehnte hinweg daran, die manipulative Kraft der Werbung so zu professionalisieren, dass sich sogar die reflektierteste Person ihres Einflusses kaum mehr verwehren kann. Ganz abgesehen vom Welleneffekt der ebenfalls manipulierten sozialen Gruppe, auf den hier aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden kann.

So sollte es Räume in der Stadt geben, die dieser Entwicklung ein Gegengewicht entgegen stellt. Wenn wir dem Bombardement der Werbung entfliehen wollen, dürfen der weit entfernte (und dadurch nicht für alle erreichbare) Wald oder der wiederum limitierte Park nicht die einzigen Refugien sein, die wir zur Auswahl haben. In einem Stadtraum, dessen Erscheinungsbild zum Großteil durch Steuergelder finanziert wird, müssen auch die Grundbedürfnisse der darin wohnenden und arbeitenden Menschen Platz haben.

„Die Grünen“ haben mit dem Projekt zur Verkehrsberuhigung auf der Mariahilfer Straße scheinbar einen Schritt in Richtung eigenbestimmt nutzbarer Räume verwirklicht. Nichts desto trotz ist der Rahmen „Mariahilfer Straße“ eher wenig geeignet, um damit ein Exempel für vorhin erwähnte Raumideen zu statuieren. Denn eine von Einkauf & Verkauf nur so strotzende Kommerz-Meile zur „Begegnungszone“ zu gestalten, verstärkt den Eindruck, dass Begegnung nur im Kontext von Geld-Ausgeben gefördert wird. Was es braucht, sind aber Begegnungsräume in Teilen Wiens, die nicht in den kapitalistischen Alarmzustand „Kauf ein! Kauf ein! Kauf ein!“ versetzen. Hingegen sollten diese Räume möglichst den Besucher*innen überlassen, was sie mit ihrer Zeit dort anfangen sollten.

Die psychologischen als auch neurologischen Auswirkungen von Werbung auf Menschen, insbesondere Kinder, sind nicht zu verhindern. Vor diesem Hintergrund, ist das Übermaß an Werbung im öffentlichen Raum höchst kritisch zu betrachten: Wenn man sich davor nicht schützen kann, muss es das Recht geben, sich dem zu entziehen. Dieses Recht kann aber nur dann sinnvoll sein, wenn es auch die entsprechenden, kostenfreien und leicht zugänglichen Möglichkeiten dazu gibt. Denn nicht jede*r hat Zeit und andere Ressourcen, die notwendig sind, um den naturnäheren Stadtrand oder andere „grünere“ Umgebungen Wiens zu besuchen.

Das hier umrissene Werbeproblem, drückt sich auch auf einer anderen Ebene als sehr nachträglich für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung aus: Nämlich in der Perspektive von Geschlechtergerechtigkeit. Beobachtungen zur spezifischen Darstellungsweisen von Frauen auf Werbeplakaten zeigen, dass 1. Frauenbilder am häufigsten zur Bewerbung von Produkten und Dienstleistungen vorkommen, diese Frauenbilder 2. meist sexualisiert werden oder 3. in einer teils mittelalterlichen Rolle vorkommen und vor allem 4. diese Bilderflut auf die Identität von bereits sehr jungen Mädchen bis hin zu älteren Frauen starke und Großteils negative Auswirkungen hat. Mangelndes Selbstbewusstsein und ein übertriebener Fokus auf (käufliche) Äußerlichkeiten lenken die Energie von Mädchen und Frauen mehrheitlich in eine Richtung, die ihre gesellschaftliche Partizipation nur mangelhaft stärkt.

Doch die Auswirkungen lassen sich bei weitem nicht nur in der weiblichen Psyche verorten, sondern selbstverständlich auch in der männlichen. Die Gewohnheit des Anblicks derartiger Bilder schafft eine Erwartungshaltung bei allen Geschlechtern, die zu einer sozialen Atmosphäre beitragen, in der sowohl Männer als auch Frauen das weibliche Geschlecht unter Druck versetzen, möglichst dem Bebilderten (weil Idealisiertem) zu entsprechen. So sehen sich viele Mädchen und Frauen mit einer Art gesellschaftlichem Liebesentzug konfrontiert, wenn sie von den Trugbildern der kommerziellen Schönheit allzu sehr abweichen. Deshalb brauchen wir Räume die vor allem auch als emanzipatorische Räume der Befreiung wirken, weil wir uns dort von der Flut erholen könnten. Nur eine Alternative zum sexistischen Bilder-Bombardement gibt den Menschen die notwendige Ruhe, um über die kommerziell gestalteten Räume zu reflektieren.

Wir haben nun viel über die derzeitige Situation gesprochen, haben Problemstellen, Zusammenhänge und Auswirkungen beispielhaft aufgezeigt. Dieser Text soll aber nicht in erster Linie eine Kritik an den bestehenden Zuständen in Wien sein sondern vielmehr eine begründete Anregung kommunizieren, wie wir den Herausforderungen begegnen können. Unter Einnahme einer solidarischen Perspektive – denn es ist immer eine Frage der Haltung, wie man Stadtentwicklung anlegt.

Zweifelsfrei kann auch weiterhin im Rahmen der Raumnutzung Kapitalismus als dominanter Strukturfaktor bestehen bleiben und dadurch sicherlich auch die eine oder andere Wertschöpfung für den Wirtschaftsstandort lukriert werden. Ich möchte aber einen anderen Zugang vorstellen, der dazu beitragen soll die Wiener Bevölkerung bei der emotionalen und geistigen Emanzipation von Mechanismen und Strukturen der Unterdrückung und Ausbeutung zu unterstützen.

Vision „Wiener Räume“:
Stärkung der Zivilgesellschaft, wider die Verwertungslogik

Wie bereits einleitend erwähnt ist es aus meiner Sicht in einer Stadt essentiell, Orte der Begegnung zu schaffen, die Menschen den Rahmen bieten sich frei zu entfalten und andere Menschen, ihre Ideen und Aktivitäten näher kennenzulernen. Ohne implizierter vor- oder nachgeschalteter kapitalistischer Verwertungslogik. Ohne thematische Einschränkungen oder Limitationen, die über selbstverständliche Nutzungsbedingungen hinausgehen.

Die Erweiterung der Identität über die Grenzen der Sozialisation einer abgeschlossenen Einheit und der innewohnenden Rollen-Konditionierungen hinaus ist aus meiner Sicht essentiell für eine demokratische und solidarische Gesellschaft. Sie ermöglicht uns ein Selbstverständnis als inklusiver Teil einer Gesamtheit, die mehr als eine Zweckgemeinschaft ist. Die sich nicht als Gebilde von konkurrenzierenden Gefäßen versteht. Die nicht auf vorbestimmten und nur eingeschränkt veränderbaren Rahmenbedingungen basiert wie beispielsweise Nationalität, Geschlechterzugehörigkeit oder soziokulturellen Determinanten. Der öffentliche Raum kann, richtig genutzt, zu einer natürlichen Mediationsfläche unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen und Dynamiken werden.

Was eine Großstadt wie Wien daher braucht sind Räume, die von vornherein so konzipiert sind oder entsprechend umfunktioniert werden, dass sie einerseits Informationen bündeln und andererseits partizipativ Gemeinschaftsaktivitäten anregen und ermöglichen. Dabei ist der architektonische Aspekt einerseits natürlich wichtig, andererseits aber auch sekundär – ob in bestehenden Flächen oder in Neubauten ist nicht so bedeutsam wie das Arrangement der Umgebung, wie die Funktionalität für möglichst unterschiedliche Bedürfnisse und die freie Zugänglichkeit. Keinesfalls sollte man sich zu stark und lange damit beschäftigen welche technischen Gegebenheiten benötigt werden, keinesfalls darf man sich in der Diskussion auf budgetäre Möglichkeiten fokussieren – worauf ich in weiterer Folge noch eingehen werde.

Imaginieren wir zunächst die Vision für einen Moment in einer höchstpersönlichen Perspektive: es gibt einen Ort bei mir um die Ecke, wo ich hingehen kann um mir Informationen zu öffentlichen Leistungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen zu holen, mir Wissen aneignen kann und wo Kultur passiert. Wo ich selbst Kultur machen und wo ich selbst Wissen vermitteln kann, wenn ich das möchte. Wo ich mich mit anderen Menschen austauschen kann – egal wie alt ich bin, egal in welchen sozialen Verhältnissen ich mich befinde. Wo es keine Restriktionen hinsichtlich Sprache, Instrumentarium oder Methode, Zielgruppe oder thematischer Schwerpunkte gibt. Wo kein sich selbstverwirklichendes Kuratorium determiniert wie und wann ich sein darf.

Ich brauche, um hier wirken zu dürfen, keinen Mitgliedsausweis, keinen Nachweis der Staatsbürgerschaft, muss keinen Beitrag bezahlen, muss nicht bereits einen Zweck erfüllen. Es ist ein Ort von dem ich weiß, dass ich das Recht habe Mensch zu sein, wie ich bin, weil ich bin. Wo ich sein darf, ohne funktionieren zu müssen, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten, weil es keine Gefälligkeit sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Wo ich auch kritisch politisch sein kann, weil ich ein*e emanzipierte*r Bürger*in bin.

Wo ich mit anderen Bürger*innen in einen Diskurs treten kann, wo NGOs und Initiativen auf ihre Forderungen und Anliegen aufmerksam machen können. Wo es keine Genehmigung braucht um sich zu versammeln, wo es keine Bewilligung braucht um seine Meinung in beziehungsweise mit einer Gruppe zu demonstrieren.

Wenn es uns gelingt solche Räume zu schaffen oder bestehende Flächen in diesem Sinne zu nutzen, könnte das mehrere positive Effekte haben: das authentische Erleben von Vielfalt und die Reduktion von Ängsten, der ungezwungene Austausch von Generationen, Kulturen und gesellschaftlichen Gruppen. Die Entstigmatisierung von Menschen die strukturell diskriminiert werden. Die Stärkung des berechtigten Gefühls, dass man Mensch sein darf, ohne KonsumentIn, MitarbeiterIn, Bedürftige etc. sein zu müssen. Ein Beitrag zur schrittweisen Umsetzung des Rechts auf Stadt, des Rechts auf Kultur, des Rechts auf Partizipation und so weiter.

Synergien nutzen, Strukturen vernetzen: Systemlogiken an eine neue Zeit anpassen

Wechseln wir nun von der Vision auf die Umsetzungsebene und betrachten wir hierzu beispielhaft zunächst die bestehende öffentliche Infrastruktur. In nahezu jedem Wiener Bezirk finden wir städtische Einrichtungen wie Büchereien (40 Standorte), Volkshochschulen (34 Standorte), Museen (29 Standorte), Jugendzentren (25 Standorte) oder PensionistInnenklubs (160 Standorte), um nur einige zu nennen (vgl. entsprechende Träger*innen- bzw. Einrichtungshomepages). Ihnen allen ist gemein, dass sie bereits massiv (unter anderem) von der Kommune gefördert oder im Eigentum der Stadt Wien befindlich sind. Sie alle haben demnach den Auftrag ein städtisches Angebot umzusetzen und verfügen neben entsprechenden Räumlichkeiten auch über finanzielle Mittel in Millionenhöhe, um diesem Kultur-, Bildungs- oder Freizeitauftrag nachzukommen.

In einigen Fällen gibt es bereits bestehende Kooperationen zwischen diesen Einrichtungen, die darauf abzielen gemeinsame Zielgruppen gebündelt anzusprechen oder Synergie-Effekte nutzbar zu machen. Andererseits werden ähnliche Leistungen an unterschiedlichen Orten zu gleichen Zeiten für ähnliche Personengruppen angeboten, vielfach mit dem Resultat, dass jeweils nur wenige Menschen diese beanspruchen können. Ob dies gewollt oder unbeabsichtigt passiert, hier gibt es aus meiner Sicht ein großes Potential im Zuge eines Abstimmungsprozesses die Qualität und die Effektivität der Angebote dieser Einrichtungen im Sinne einer Kosteneffizienz zu steigern.

Abgesehen von dieser Ineffizienz in der inhaltlichen Abstimmung, stehen die Räumlichkeiten all dieser Einrichtungen zu einem maßgeblichen Anteil leer. Das ergibt sich auch logisch aus den unterschiedlichen Bedürfnissen der adressierten Zielgruppen, wenn man beispielsweise Schulzeiten, Arbeitszeiten etc. berücksichtigt. Diese Leerzeiten werden unterschiedlich genützt: So vermieten manche Einrichtungen ihre Räumlichkeiten entgeltlich (siehe oben: Geld öffnet Räume und eröffnet Möglichkeiten), andere öffnen sie fallweise für NGOs oder versuchen die Räume auf eine andere Weise nutzbar zu machen.

Dennoch ist diese Raumvergabe nach Belieben nur zu einem gewissen Grad erfolgreich, da viele Träger*innen nicht über ein entsprechendes Konzept oder Knowhow verfügen bzw. es auch vielfach gar nicht beabsichtigt ist, eine alternative Raumnutzung zu ermöglichen. Es ist grundsätzlich eben nicht Teil des Auftrags und Selbstverständnisses vieler Einrichtungen bzw. ebenda agierender Entscheidungsträger*innen, die zur Verfügung stehenden, von der Allgemeinheit finanzierten Flächen, auch der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, sofern der eigentliche Zweck nicht hinreichend erfüllt werden kann.

Hier sehe ich einen konkreten Ansatzpunkt: Wenn in jedem Bezirk mehrfach Flächen verfügbar sind, die oftmals sogar relativ gut ausgestattet sind, so könnte man diese für Gemeinschaftsaktivitäten öffnen. Und hierdurch einen doppelten Effekt nutzbar machen: Einerseits werden bestehende Steuermittel wirkungsvoller eingesetzt, weil mehr Menschen in den Genuss der bereits subventionierten Infrastruktur kommen als die ursprünglich intendierten Zielgruppen. Andererseits werden mehr Menschen auf die Existenz und Vorzüge ebendieser Einrichtungen aufmerksam, wodurch mitunter sogar Werbekosten eingespart werden könnten.

So schön, einleuchtend und notwendig diese Vorstellung sein mag, so mühsam gestaltet sich in der Praxis vermutlich auch eine entsprechende Umsetzung. Obgleich vielfach von ein und derselben Stelle finanziert (bspw. MA13), haben all die beispielhaft genannten Träger*innen und Einrichtungen ihre eigene, historisch gewachsene Operationslogik. Die (Großteils) von der Allgemeinheit finanzierten Strukturen sind hierdurch nicht der Allgemeinheit zugänglich sondern zumeist entlang des Selbstverständnisses der jeweiligen Einrichtung bzw. ihrer Entscheidungsträger*innen und oder nochmal verstärkt durch eine ökonomische Barriere.

Es müsste grundsätzlich ja umsetzbar sein eine Form der Verwaltung zu etablieren, die sich im gegenständlichen Sinne stärker an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientiert und auch eine größtmögliche Effizienz abseits einer Schrebergartenlogik ermöglicht. In der Praxis ist dies aber vermutlich die größte Herausforderung, die auch nicht konzeptionell sondern vielmehr über eine entsprechende politische Haltung und einen klaren Entscheidungswillen durchgesetzt werden müsste. Dabei müsste allen Entscheidungsträger*innen klar sein, dass konsumfreie Räume die emanzipatorisch wirken, gleichzeitig auch entspannende Effekte auf Problemlagen in einer wachsenden Stadt entfalten könnten.

Es dürfen daher bei einer etwaigen Realisierung des Konzepts der „Wiener Räume“ aus meiner Sicht nicht Ressort-Zuständigkeiten (Kultur, Bildung, Wohnen, Parks etc.) im Vordergrund stehen sondern sollte es eine absolute Querschnittsmaterie an höchster Stelle angesiedelt werden, mit entsprechenden Durchgriffskapazitäten. Man bräuchte wohl eine in der Magistratsdirektion angesiedelte Koordinationsfunktion, die sich zum Ziel setzt ein entsprechendes räumliches Konzept möglichst effizient in den vorhandenen Strukturen nutzbar zu machen. Gleichzeitig müsste man den Dialog mit NGOs, Initiativen und Vereinen, sprich der Zivilgesellschaft, suchen und diese möglichst von Beginn an einbinden. Nicht nur dass hierdurch auch Kosten gespart werden könnten: Wie oft mieten sich kommunal subventionierte NGOs entgeltlich in Räumlichkeiten ein, während sie gleichzeitig unter einer angespannten Budgetsituation leiden und die zur Verfügung stehenden Finanzmittel für ihren primären Zweck benötigen würden?

Um die Vision von „Wiener Räume“ zur Umsetzung zu bringen bedarf es daher eines entsprechenden Bewusstseins, einer in der Verwaltung möglichst stark angesiedelten Koordinationsstelle und den politischen Willen hierdurch der expandierenden Stadt und ihrer wachsenden Bevölkerung auch tatsächlich Raum für eine Weiterentwicklung im hundertfachen mikrodimensionalen Rahmen zu bieten.


Dieser Text wurde von Sebastian Bohrn Mena im Rahmen des Projekts „Neue Spuren legen“ der Grünen Bildungswerkstatt Wien verfasst.